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JT65 - einfach noch ein neuer Digimode?

Digimodes gibt es wie Sand am Meer - und viele davon eignen sich auch sehr gut für den QRP-Betrieb, wie z.B. PSK31. Problematisch dabei ist jedoch immer, dass laute "Platzhirsche" oft das Band mit ihren überbreiten und lauten Signalen so "zuschreien", dass mal als leise QRP-Station doch ab und zu mal in Schwierigkeiten kommt und schlichtweg übertönt wird.

JT65 geht hier einen etwas anderen Weg - hier erreicht man durch etwas höhere Bandbreite als beim PSK-Betrieb bei gleichzeitig deutlich niedrigeren Baudraten, gepaart mit einem intelligenten Signalanalyse-Algorithmus, bereits mit kleinsten Leistungen und Behelfsantennen beeindruckende Reichweiten. Eines der Geheimnisse von JT65 ist, dass eine wesentliche Information nicht mit übertragen wird, sondern bereits bei allen Beteiligten vorhanden ist - die genaue Anfangs- und Endzeit der Übertragung. JT65 verwendet hierfür Zeitscheiben von jeweils einer Minute, wobei normalerweise die CQ-rufende Station in der geraden, und die antwortende Station in der ungeraden Minute sendet. Synchronisiert wird das Ganze über die im Internet zuhauf vorhandenen Zeitserver, mit denen die PC-Uhr abgeglichen werden muß.

Damit erfolgt die Regulierung des QSO-Betriebes automatisch - im Normalfall gibt es keine Stationen, die in eine laufende Übertragung "hineinplärren", da die Steuerung der Sende- und Empfangsintervalle über die Software erfolgt. Solange bei allen die Rechneruhren einigermaßen stimmen, ist also ein geregelter Funkbetrieb quasi automatisch gewährleistet.

Das JT65-QSO

Der QSO-Ablauf ist ziemlich genau festgelegt, z.B. für ein QSO zwischen DL6TA (CQ-Rufer) und DL0SM (antwortende Station):

  1. CQ DL6TA JO50 (Rufzeichen und Locator + CQ-Ruf)
  2. DL6TA DL0SM JO50 (Rufzeichen und Locator der antwortenden Station, in diesem Fall auch JO50)
  3. DL0SM DL6TA -10 (Report der CQ-rufenden Station an den Antworter: -10 dB)
  4. DL6TA DL0SM R-08 (Report der Gegenseite)
  5. DL0SM DL6TA RRR (Alles empfangen)
  6. DL6TA DL0SM 73
  7. DL0SM DL6TA 73

Die Vorteile

JT65 profitiert durch die festgelegten QSO-Abläufe, weil erstens nur die allernötigste Information übertragen werden muß, und zweitens diese Information durch die vergleichsweise langen Sende- und Empfangsintervalle und die kurzen Texte redundant übertragen werden kann. Selbst wenn also ein Teil der Aussendung im QSB verschwindet, ist meistens trotzdem noch ein erfolgreiches QSO möglich.

Der zweite Vorteil dieser QSO-Praxis ist es, daß man dem Algorithmus in gewisser Weise ein "Bauchgefühl" beibringen kann - man weiß ja, dass man hauptsächlich Übertragungen empfangen will, die so etwas wie ein Rufzeichen und insbesondere das eigene Rufzeichen enthalten. Mit diesem Wissen kann der Rechner versuchen, auch aus schwachen und extrem gestörten Signalen die Information zu "erraten". Dieser "deep search"-Algorithmus ist allerdings mit dem nötigen Augenmaß und gewisser Vorsicht anzuwenden - bei zu viel Raterei können sonst auch schon mal "Geister-QSOs" im Log landen, die in Wirklichkeit nie stattgefunden haben.

Die Ausrüstung

Um JT65 zu machen, braucht man nicht viel. Wer schon mit anderen Digimodes wie PSK31 QRV ist, hat wahrscheinlich schon die komplette Ausrüstung. Neben einem TRX ist eigentlich nur ein PC-Interface für PTT und Audio notwendig, mit dem der PC den TRX auftasten und Audiosignale senden und empfangen kann. Beachten sollte man, dass der TRX beim Senden quasi 1 Minute lang Dauerstrich sendet und das auch verkraften können sollte. Generell benötigt man jedoch keine sehr großen Leistungen - 20 Watt sind schon relativ üppig für diese sehr genügsame Betriebsart.

 Ansonsten ist nur noch die entsprechende Software (JT65-HF funktioniert sehr gut und ist relativ leicht verständlich) nötig - unter "Mit 20 Watt nach Australien" ist die Einrichtung sehr schön beschrieben - leider nur für Windows. 

Zusätzlich nötig ist noch die Synchronisierung der Rechneruhr mit einem Uhrzeitserver, wie unter dem Link ebenfalls für Windows beschrieben. Die QSO-Partner müssen bis auf wenige Sekunden gleich laufende Uhren haben, damit alles reibungslos funktioniert.

Geht das auch ohne Windows?

Nachdem bei mir alles unter MacOS X läuft und ich keinen richtigen Windowsrechner besitze, stellte sich natürlich sofort die Frage, ob das auch unter einem anderen Betriebsystem als Windows funktionieren kann. Die Antwort ist kurz und knackig: Ja, das geht! JT65-HF läuft problemlos unter einem Windows-Emulator wie z.B. CrossOver oder WINE. Bei der Installation waren bei mir keine besonderen Einstellungen nötig - einzig der COM-Port für die PTT mußte händisch eingerichtet werden (für CrossOver z.B. hier beschrieben). Danach geht alles ganz einfach nach der oben verlinkten Anleitung.

Ein Vorteil von UNIX-verwandten Betriebssystemen wie MacOS X oder auch Linux ist, dass man sich in der Regel keine Gedanken um die Uhrzeitsynchronisation machen muß - die macht das System von alleine :-)

20 Watt ist schön und gut - aber was ist Portabel, QRP und mit Behelfsantenne?

An dieser Stelle sei nochmals betont, dass JT65 eine sehr genügsame Betriebsart ist und man schon mit kleinsten Leistungen extrem weit kommen kann. LU oder PY mit 5 Watt auf 20m sind im Normalfall auch an einer Behelfsantenne möglich - als Beweis anbei eine eQSL aus Argentinien, die mit 5 Watt im Akkubetrieb mit einem FT-817 an einer behelfsmäßig aufgehängten G5RV erfunkt wurde:

LU2BN-DL6TA

 Fazit

JT65 ist eine sehr gemütliche, aber dennoch spannende Betriebsart, da man im Endeffekt immer erst nach 2 Minuten weiß, ob der eigene Ruf denn gehört und beantwortet wurde. Insofern also eine sehr schöne Betriebsart für "nebenbei", wie wir auch schon an unseren offenen Treffs festgestellt haben - es bleibt genügend Zeit, sich dabei zu unterhalten ;-)

Besonders interessant ist JT65 allerdings aufgrund seiner geringen Ansprüche an die Signalstärke und -qualität und damit in meinen Augen eine ideale QRP-Betriebsart. Auf der Seite PSKReporter kann man sehr schön in Echtzeit verfolgen, wo man überall auch bei kleiner Leistung gehört wird. Der folgende Screenshot zeigt beispielsweise meinen "Wirkungsradius" von letzter Nacht (ca. 21:00 bis 22:00 UTC; die orangen Fähnchen sind auf 20m, blau 40m und violett 80m) mit den bereits erwähnten 5 Watt an einer typischen Portabelantenne.

PSKReporter DL6TA JT65

Na, neugierig geworden? Dann nichts wie ran! Bei Problemen helfen Georg, DL4NBV, Michael, DG3NEC oder ich (Stefan, DL6TA) gerne weiter.

 

73 es gd DX de DL6TA!